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Die Grüne Stadt am Meer
04|01|2010



Genau am 03. Januar 2010 zeigte sich die einstmals "Grüne Stadt am Meer" weithin sichtbar von ihrer neuen, der grauen Seite.

Wenn ich als Kind mal wieder eine Zeitlang in einem mir fremden Landstrich die Schule besuchen mußte, ordneten mich viele meiner neuen Mitschüler anfangs häufig in die Kategorie ‚Flüchtling’ ein.

Das wird in der Nachkriegszeit sicherlich nicht nur mir so ergangen sein. Jemand, der keinen wahrnehmbaren Dialekt sprach, der konnte ja nur ‚Flüchtling’ sein. Ich habe manchmal bei mir gedacht, was seid ihr doch doof. Dabei war es für die anderen oftmals wohl nur die eigene Antwort auf ihre nicht laut gestellte Frage: Woher kommst du eigentlich?

Mit kindlichem Stolz habe ich mich stets gegen die ‚Unterstellung’ ein ‚Flüchtling’ zu sein gewehrt. Das war einfach so. Ich kam schließlich aus Wilhelmshaven, der großen norddeutschen Marinestadt. Dort war ich als Kind ostfriesischer Eltern geboren und aufgewachsen – soweit wie ich denn schon gewachsen war. Das war doch was!

Wer von meinen neuen Mitschülern in der Fremde konnte denn schon von großen Hafenanlagen, von weißen weiten Stränden, von grünen endlosen Deichen und von Wasser bis zum Horizont berichten? Wer von ihnen hatte schon einmal auf und in den gewaltigen Trümmerbergen der größten Seeschleuse der Welt gespielt? Vor wessen Haustür stand im Watt ein riesengroßer Zinnsoldat? In wessen Heimatstadt befand sich die damals noch größte Drehbrücke Europas? Doch in meiner! In welcher Stadt stand inmitten gepflegten Grüns ein fünfzig Meter hoher Rathausturm aus dunklen Klinkersteinen? Doch auch nur in meiner!

Als Trumpf knallte ich zum Schluß immer auf den Tisch: Ich komme aus der grünen Stadt am Meer. Bei vielen Älteren rannte ich damit freilich offene Türen ein – sie kannten ‚Schlicktau’ entweder aus ihrer eigenen Dienstzeit bei der Marine, oder durch die Erzählungen der Ehemänner, Väter oder Söhne aus deren Dienstzeit. Gleich, ob die Tage im Zeichen des Königs- und Kaiseradlers oder des Hakenkreuzes gestanden hatten.

Wäre ich damals schon etwas höher gewachsen gewesen, hätten meine Empfindungen bezüglich meiner Heimatstadt vielleicht ein anderes Gesicht gehabt.

Ich liebe diesen Flecken Erde an der westlichen Seite des Jadebusen Heute ebenso wie damals, nur eben anders - und ich bin bestimmt nicht der einzige, der so fühlt.

Nur - Heute mag ich in der Fremde oft gar nicht dazu stehen, aus Furcht die Frage beantworten zu müssen, was denn um Himmelswillen aus meiner schönen grünen Stadt am Meer geworden sei. Wenn ich ein Zyniker wäre, würde ich darauf antworten, Grün verblasst nun einmal mit der Zeit zu Schwefelgelb.

Ewald Eden


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